Wenn Sex und Masturbation zum Alltag wird: Pornosucht



Fast jeder hat in seinem Leben schon einmal einen Porno gesehen, und viele Menschen schauen sich die anregenden Filmchen auch regelmäßig an. Doch wenn der Konsum der Sexfilme überhand nimmt, wirkt sich das sowohl körperlich als auch psychisch und sogar gesellschaftlich aus. Aber wann spricht man wirklich von übermäßigem Pornokonsum? Worin bestehen die Symptome einer Pornosucht? Und wie bekommt man Hilfe?
Wir klären auf.




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Der Einfluss der Pornos

Gleich vorweg: Für sich genommen sind Pornos weder positiv noch negativ zu sehen, weder gut noch böse (von gewissen fragwürdigen Praktiken der Pornoindustrie mal abgesehen). Sie sind genauso Genussmittel wie Schokolade oder Alkohol. Daraus ergibt sich schon ein gewisses Verständnis für den Umgang mit den Filmchen: Sie sind in Maßen zu genießen. Gegen einen guten Porno ist ebenso wenig etwas einzuwenden wie gegen das sonntägliche Glas Wein oder einen süßen Nachtisch nach einem Festmahl. Wein sorgt für eine angenehme Stimmung, der Alkohol verschafft dem Körper ein wohlig warmes Gefühl. Auch eine zuckrige Nachspeise erhöht im Gehirn die Konzentration des Glückshormons Dopamin und löst so Glücksgefühle aus. Das gleiche Prinzip gilt für Pornos. Wer sich einen Sexfilm anschaut, dessen Körper schüttet mehr Adrenalin und Dopamin aus. Dieses Gefühl ist so schön, dass man es wieder und wieder spüren möchte. Und genau darin besteht das Problem. Einst eine Mangelware, haben Pornos das Konzept Sex zum Massenkonsumprodukt gemacht. Pornos gibt es in nahezu unvergleichlicher Vielfalt, immer interaktiver, in virtueller Realität und bizarreren und bizarreren Genres. Somit ist für jeden Geschmack etwas dabei. Doch der Körper gewöhnt sich an die Erregung, die Glücksgefühle werden von Mal zu Mal schwächer. Um seine Gelüste dann noch befriedigen zu können, sucht man immer verrücktere Pornos, Filme, die noch genauer auf die eigenen Bedürfnisse passen. Man stumpft ab. Noch dazu mangelt es einem Porno an dem, was den Sex gerade so schön macht: die zwischenmenschliche Beziehung. Die Sexfilme sind damit so etwas wie Sex aus der Konserve, schnell, bequem und mit nur geringem Aufwand verbunden. Das soll keine Verteufelung des Pornos sein, sondern nur darlegen, wie ein Pornofan in die Abwärtsspirale der Sucht gesogen werden kann. Warum sollte man sich den Aufwand machen, Sex mit einer echten Person zu haben? Das erfordert Mühe und Zeit und ist nicht immer mit Erfolg verbunden. Pornos hingegen sorgen nach wenigen Klicks für garantierte Glücksgefühle. Besonders Kinder sind für Süchte im Allgemeinen anfällig. Umso bedenklicher, dass sie schon sehr früh mit Pornos in Kontakt kommen, da die Schutzvorkehrungen unzureichend sind. Jeder kennt wohl die Altersabfrage und weiß, wie leicht sie zu überwinden ist. Was das kindliche Gehirn dann vorfindet, kann es nur schwer richtig einordnen. Eine sexuelle Reizüberflutung zu einem Zeitpunkt, an dem sich das Gehirn noch entwickelt und geformt werden kann. So entstehen bei den jungen Abhängigen bisweilen Funktionsstörungen wie erektile Dysfunktion (auch Erektionsstörung genannt), Orgasmusstörungen oder eine partnerbezogene Unlust. In einer Beziehung führt das zu ernstzunehmenden Problemen. Der Süchtige oder die Süchtige möchte nicht mehr mit der Partnerin oder dem Partner schlafen und bevorzugt stattdessen Pornos. Doch selbst, wenn noch immer Lust auf die andere Person besteht, kann man vielleicht gar nicht so, wie man gerne würde. Der reale Reiz hält mit dem des Pornos nicht mit, die Körper der Professionellen sind schöner, makelloser, die Praktiken wilder und abgedrehter. Vorspiel? Beim Porno ein Fremdwort, stattdessen geht es direkt zum Höhepunkt. Zwar wissen die meisten Menschen, dass vieles beim Sexfilm nur Show ist, einen Einfluss auf das Sexleben und die eigenen Vorlieben üben Skripte und Abläufe der Pornos dennoch aus. Das schraubt die Messlatte hinsichtlich der eigenen Ansprüche immer weiter nach oben. Es entsteht großer Leistungsdruck, schließlich soll das Sexleben mit der Glitzerwelt des Pornos mithalten können.

Wo beginnt die Pornosucht?

Eine Sucht liegt vor, wenn das eigene Denken immer stärker um ein bestimmtes Suchtmittel kreist. Im Laufe der Zeit stellt sich eine Toleranzentwicklung ein, sodass die Dosis des Mittels stetig gesteigert werden muss, um einen jedoch gleichbleibenden Effekt zu erreichen. Diese größere Dosis erlangt man allerdings nicht ohne Weiteres. Der oder die Betroffene investiert immer mehr Zeit und Geld in die Befriedigung seines Verlangens. Schließlich entwickelt sich dieses Streben zu einem Kontrollverlust. Obwohl sich die Sucht negativ auf Aspekte wie Partnerschaft, Beruf, Gesundheit, Finanzen oder auch das Gesetz auswirkt, wird der Konsum fortgesetzt. Der oder die Süchtige spürt durchaus, wie die Abhängigkeit wächst und Schritt für Schritt größeren Einfluss auf sein Leben nimmt, dies nimmt er jedoch in Kauf, zumal er das Ganze nicht als Sucht erkennt. Erst im fortgeschrittenen Stadium wird ihm die Symptomatik in ihrem wahren Umfang bewusst. Auch das Umfeld bemerkt langsam, aber sicher die Anzeichen und Konsequenzen der Abhängigkeit. Anders als bei der Pornosucht erfordert die Definition einer Sexsucht, dass auch reale sexuelle Kontakte mit im Spiel sind. Die Pornosucht gilt aber durchaus als eine Unterkategorie der Sexsucht, bei der jedoch nur der Konsum von pornografischem Material die Sucht ausmacht. Für die meisten Sexsüchtigen war gleichzeitig allerdings die Porno-Abhängigkeit Auslöser für ihren Kontrollverlust. Das, was man im Porno gesehen hat, möchte man auch selbst in die Tat umsetzen. Auch bei der klassischen Sexsucht stellt sich eine Abstumpfung ein, der man mit einer Erhöhung der Dosis entgegenzuwirken versucht. Die Investitionen in die Sucht steigen in Form des Risikos, dass der oder die Betroffene einzugehen bereit ist. Ungeschützter Sex mit anonymen Partnern ist eine Ausprägung davon.

Inwiefern ist das Umfeld betroffen?

Der Partner oder die Partnerin entdeckt die Sucht meist nur durch Zufall. Browserverläufe oder Festplattenspeicher, Kreditkartenabrechnungen sowie sexuelle Funktionsstörungen geben dann über die Abhängigkeit Aufschluss. Um es an dieser Stelle einmal ganz klar zu sagen: Sex- und Pornosucht sind Erkrankungen. Zu neunzig Prozent sind Männer betroffen.

Wie wird die Pornosucht therapiert?

Die Therapie zielt auf eine Rückkehr zur Normalität ab, also einen normalen Umgang mit Sex. Sexualität soll wieder wertgeschätzt werden und selbstbestimmt sowie verbindlich sein. Damit das Gelingen kann, müssen die Betroffenen, aber auch ihre Angehörigen sich informieren, Zusammenhänge verstehen lernen und in Zukunft genau hinschauen, wie sich die Sucht beziehungsweise der Heilungsprozess entwickelt. Um diesem abstrakten Konzept konkretere Formen zu verleihen, gibt es verschiedene verhaltenstherapeutische Methoden. Zunächst empfiehlt es sich, das Suchtmittel unerreichbar zu machen, beispielsweise, indem man Suchfilter installiert oder den Computer nur noch in öffentlichen Räumen benutzt. Ebenfalls unumgänglich ist die Analyse der eigenen Trigger. Was löst intern oder extern die Lust auf Pornos aus und wie kann man diese Auslöser stoppen? Zwischenmenschliche Konflikte, die im Laufe der Sucht entstanden sind, sollten beigelegt werden. Um sich in Zukunft ablenken zu können, helfen neue Hobbys oder die Definition der eigenen Ziele im Leben. Viele Menschen schätzen eine soziale Komponente, mithilfe derer sie die Abhängigkeit bekämpfen können. Selbsthilfegruppen bieten die Unterstützung Gleichgesinnter und Mitleidender. Die Sucht ist keinesfalls zu unterschätzen, schließlich handelt es sich um eine chronische Erkrankung, die ein Leben lang unter der Oberfläche schwelen wird. Ebenso, wie man von trockenen Alkoholikern spricht, gibt es auch trockene Sex- oder Pornosüchtige. Rückfälle stellen folglich eine ernstzunehmende Gefahr dar und gehören zur Sucht fast schon dazu. Kommt es zu einem solchen Rückfall, sollte der oder die Betroffene am besten positiv damit umgehen. Man darf sich nicht selbst für diese Schwäche geißeln, sondern muss sie als Anlass nehmen, beim nächsten Anlauf noch konzentrierter und disziplinierter zu sein.

Ist der komplette Verzicht eine wirksame Therapiemethode?

Wen das Gefühl umtreibt, die Kontrolle über sein sexuelles Verlangen verloren zu haben, sollte für sich einmal einen fest abgesteckten Zeitraum definieren, innerhalb dessen er vollständig auf das Suchtmittel verzichtet. Masturbation oder Sex sind ebenso tabu wie Pornos, denn darin bestehen Trigger, Auslöser dafür, dass der oder die Betroffene in alte Muster verfällt. Man hat plötzlich viel mehr Zeit für Hobbys, Sport, die Familie und Freunde sowie die Partnerschaft.

An welchen Stellen erhalten Betroffene und Angehörige Hilfe?

So weit verbreitet Sex- und Pornosucht heutzutage auch sind, es gibt nur wenige Therapeuten, die sich mit der Materie auskennen. Auch Urologen und beginnen gerade erst, sich mit dieser Abhängigkeit zu beschäftigen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Zahl der Betroffenen von Jahr zu Jahr rapide zunimmt. Glücklicherweise gibt es zumindest einige Informationen, die Hilfesuchende nutzen können: Das Buch Sexsucht – Krankheit und Trauma im Verborgenen von Kornelius Roth gilt im deutschsprachigen Raum als Standardwerk für die Thematik der Sexsucht. Für das englischsprachige Publikum hat die Webseite www.yourbrainonporn.com zahlreiche wissenschaftliche Studien zum Thema Pornosucht zusammengestellt. Darüber hinaus werden die Materialien anschaulich präsentiert, sodass man leicht verstehen kann, wie die Abhängigkeit beziehungsweise der Pornokonsum unser Gehirn verändert.